Märchenvorschlag Nr. 6 von Anna (32 Jahre)
Das Wunderbare
Vor gar nicht allzulanger Zeit lebte eimal ein junges Mädchen. Es lebte im Verborgenen, nicht
unscheinbar, aber doch ganz weit weg. Alles was es kannte, war sein zu Hause und seine Familie und
ein Gemach, das seins war und in dem es niemand stören durfte.
Immer wenn es so alleine in seinem Gemach saß und in Gedanken schwelgte, purzelten vor
seinen Augen merkwürdige Dinge umher. Einmal tanzte ein kleiner Bär und schlug
Räder oder kullerte sich über den Boden, manchmal spielten kleine Elfen auf ihren feinen kleinen
Geigen himmlische Klänge, Fische hüpften über das Wasser, als ob sie ein Ballett aufführten, Zwerge
liefen aufgeregt auf und ab, als ob ihnen die Zeit davon laufen würde.
Das Mädchen fühlte sich hin und her gerissen und es war so, als ob ihm jemand die Hand reichen würde,
um noch mehr von diesen merkwürdigen Dingen zu erfahren.
So saß das Mädchen eines Abends wieder auf seinem Bett in seinem Gemach und schloß die Augen,
als sich ein unbekanntes Wesen vor ihm auftat und dem Mädchen die Hand reichte. Wer es war,
konnte es nicht erkennen; es war ihr eigentlich auch ganz egal. Es griff nach der Hand und harrte der Dinge, die passieren würden.
Ein gewaltiger Ruck zährte an seinem Körper und in Windeseile durchwirbelte es ein Sturm, der das
Mädchen so schnell drehte, daß ihm schwindelig wurde und es in Ohnmacht fiel.
"Was war das? Wo bin ich? Was ist mit mir geschehen?", fragte das Mädchen sich, als es aus seiner
Ohnmacht erwachte.
Es lag auf einer herrlich duftenden Blumenwiese, umrandet von einer Schar von märchenhaften
Figuren, die schon allesamt einmal vor seinen Augen erschienen waren. Der tanzende Bär, die
spielenden Elfen, das Fischballett und die aufgeregten Zwerge, alle waren sie da und schaute sich
den Eindringling an. Wissbegierig stupsten und kniepsten sie das Mädchen, um zu schauen, ob es
etwas machen würde. Ängstlich waren die Figuren nicht. Aber das Mädchen fühlte sich nicht wohl in
ihrer Haut.
"Warum nur? Warum habe ich jetzt Angst, wo ich es mir doch so sehr gewünscht habe, euch
kennenzulernen."
Das antwortete ein Zwerg mit einer grünen Mütze und einem roten Laibchen: "Liebes Kind, deine Zeit
ist noch nicht reif dafür, um uns kennenzulernen. Du mußt noch viel lernen, bevor deine Angst vorübergeht.
Erst wenn du das Wunderbare erkennen wirst, gehörst du in unser Reich und kannst uns ohne Furcht und
Schrecken verstehen."
Der Zwerg holte tief Luft und die Haare des Mädchens wehten kräftig nach hinten. So taten es die
anderen Figuren gleich und das Mädchen wurde von dem gleichen Sturm, der es getragen dorthin,
wieder in seines Gleichen zurückgetragen.
So blieb das Mädchen in seiner Welt und suchte vergeblich nach dem Wunderbaren.
Und wenn es keiner rettet, aus seiner einseitige Phantasie, wird es wohl für immer dort bleiben
müssen.
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