Märchenvorschlag Nr. 3
von Petra (29 Jahre)

Eine Vorweihnachtsgeschichte

Er schlenderte durch die vorweihnachtlichen Einkaufsstraßen der großen Stadt, kaum unterschieden von den anderen Passanten. Nur einen einzigen winzigen Unterschied hätte man bemerken können, wenn man sich in dem Trubel die Zeit genommen hätte, ihn näher zu betrachten: Der Vorweihnachtsstreß, der allen anderen in glühenden Buchstaben auf die Stirn geschrieben zu sein schien, fehlte an ihm völlig.

Der junge Mann hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben, fast gemächlich kam er daher, immer wieder schnuppernd, den Duft von Schmalzkuchen und Bratwürsten aus den hölzernen Weihnachtsmarktbuden aufnehmend, der sich mit dem Harzgeruch der überall aufgestellten Tannen vermischte. Von Zeit zu Zeit blieb er vor den Schaufenstern der großen Kaufhäuser stehen und betrachtete die Dekorationen.

Nun stand er vor einer weitläufigen Winterlandschaft, einem Schaufensterkomplex, der vor allem Kinder ansprechen sollte. Ein großer Hirsch vor einem Schlitten bewegte den Kopf hin und her, ein schlittschuhlaufender Hase auf einem zugefrorenen See drehte Pirouetten wie eine Primaballerina, skifahrende Teddybären glitten einen Hang im Hintergrund hinab.

Und plötzlich erblickte er ihn: einen kleinkindgroßen Bären mit zartbitterschokoladenem Fell. Der Bär stand auf den Hinterpfoten, die Vordertatzen hatte er gegen die Glasscheibe gestemmt. In dem dunklen Auge fing sich ein Lichtreflex, sein Blick begegnete dem des Mannes.

"Seltsam," dachte der. Und er begann, Gefallen an dem Tier zu finden. Aufmerksam schaute er ins Gesicht des Bären. Der Bär schaute ebenso aufmerksam zurück. Es war Liebe auf den ersten Blick. Verschwörerisch kniff der Bär ein Auge zu.

"Er hat mir zugeblinzelt," stieß der Mann verblüfft hervor.

"Ein ganz einfacher Mechanismus," brummte ein Vorübergehender im Vorübergehen.

Der Mann schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Ein Mechanismus, natürlich, wie hätte er auch annehmen können, daß... Außerdem hatte er wirklich wichtigeres zu tun als hier herumzustehen und Löcher in die Luft zu starren, verdammtnochmal, er mußte noch rasch irgendwelche Geschenke für alle möglichen Leute kaufen, und es blieb nicht mehr viel Zeit.

Der Bär blieb im Schaufenster zurück, und es war gut, daß sich niemand mehr die Zeit nahm, ihn anzuschauen. Die Leute hätten doch nur Vermutungen darüber angestellt, was das denn für ein Mechanismus sei, der diesen kleinen salzigen Tropfen aus seinem dunklen Auge quellen ließ.

Eingriff

Ich bitte um Verzeihung. Es ist nicht richtig, was ich jetzt tue. Aber ich halte es nicht aus.

Wenn ihr den kleinen Bären gesehen hättet mit seinem dunkelschokoladigen Fell und den traurigen Augen, halbaufgerichtet hinter der Glasscheibe, dem Davoneilenden nachblickend, wenn ihr den kleinen Bären gesehen hättet, ihr würdet es vielleicht verstehen.

Ich kann nicht anders, ich muß einfach eingreifen.

Und so lasse ich den Mann noch einmal wiederkommen, spät am Abend, kurz vor Ladenschluß. Ich befehle ihm, in das Kaufhaus zu gehen und den kleinen Bären glücklich zu machen.

Und wie der Mann so vor dem Bären steht und der Bär mit großen dunklen Augen an ihm hochblickt und sagt: "Ich bin so froh, daß du gekommen bist" - da brauche ich gar nichts mehr zu tun, es geht wie von allein. Er hebt den Bären auf und trägt ihn hinaus aus dem Kaufhaus.

Draußen dunkelt es schon, die ersten Sterne ziehen herauf, sie aber wandern in die Nacht hinaus, Hand in Hand unter dem weihnachtlichen Himmel, bis sie ganz klein werden und am Horizont verschwinden.

Wenn ihr sie sehen solltet, so haltet sie nicht auf. Ihr braucht sie auch nicht von mir zu grüßen. Aber vielleicht nehmt ihr euch die Zeit und schaut ihnen nach, eine Weile nur, denkt ihnen einen Schritt weit hinterher, das wäre schön.

Märchenwettbewerb - Vorschlag Nr. 4 Märchenwettbewerb - Vorschlag Nr. 2

 Englische Übersetzung

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