Der Sohn des Fischers
Märchen der Georgier
Es war einmal ein Fischer, der hatte einen Sohn. Eines Tages
ging er zum Fischfang und nahm auch seinen Sohn mit. Als sie an einen großen Fluß kamen, rief der
Fischer Gott an und warf das Netz zum Wohl und Glück seines Sohnes aus. Er fing mit diesem einen Zug
so viele Fische, daß er das Netz kaum ans Ufer ziehen konnte. Und als er die Fische näher anschaute, sah
er einen darunter, der war blutrot und wunderschön. Da sprach der Fischer zu seinem Sohn: "Ich gehe nach
Hause und hole den Karren. Du bleibst hier und gibst acht, daß nichts passiert. Vor allem den roten Fisch,
den laß mir nicht aus den Augen!"
Als der Vater weggegangen war, nahm der Fischerssohn den roten Fisch aus dem Netz, streichelte ihn
und liebkoste ihn und sprach schließlich zu sich selbst: "Einen so schönen Fisch zu töten - ist das nicht
eine Sünde? Ich will ihn lieber wieder frei lassen." So sprach er und warf ihn ins Wasser. Der Fisch aber
kam wieder ans Ufer geschwonnen, bedankte sich bei dem Jungen, zog eine Gräte aus einer seiner Flossen
und sprach: "Du warst so gut zu mir, ich gebe dir diese Gräte dafür. Wenn du einmal in Not bist, dann komm
her ans Ufer, nimm die Gräte aus der Tasche und rufe mich, dsann komme ich und werde dir helfen!"
Der Junge nahm die Gräte und steckte sie in die Tasche. Der Fisch winkte noch einmal lustig mit seiner
Schwanzflosse und schoß dann in die Tiefe. Da kam der Vater mit dem Karren und sah, was sein Sohn
getan hatte. Der Fischer wurde furchtbar wütend und sagte in seinem Zorn zu seinem Sohn: "Geh zum
Kuckuck! Ich will dich mein Leben lang nicht mehr sehen!"
Da ging der Fischerssohn von der Stelle weg auf und von dannen.
Wie er so durch die Lande streifte, sah er plötzlich einen ganz erschöpften Hirsch auf sich zulaufen. Hinter
ihm waren die Jäger mit Hunden her. Der Junge hatte Mitleid mit dem Hirsch, sprang auf ihn zu, faßte ihn am
Geweih und rief den Jägern zu, das sei ja ein zahmer Hirsch, warum sie dieses Tier denn jagten. Die
Jäger glaubten ihm und ließen von ihm ab. Als sie außer Sicht und weit genug weg waren, ließ der Junge
das Tier los. Der Hirsch riß sich daraufhin ein Haar aus, gab es dem Jungen und sprach: "Du warst so gut
zu mir, ich gebe dir dieses Haar dafür. Wenn du einmal in Not bist, dann nimm das Haar aus der Tasche
und rufe mich, dann komme ich und helfe dir."
Der Junge nahm das Haar, steckte es in die Tasche und wanderte weiter. War er weit gegangen, war
er's nicht, wer weiß?
Auf einmal sah er einen Kranich, der von einem Adler verfolgt wurde. Der Junge hatte Mitleid mit dem
Kranich, ergriff seinen Stock und warf ihn nach dem Adler. Der erschrockene Raubvogel ließ von dem
Kranich ab und verschwand. Als der Kranich wieder sicher war, riß er sich eine Feder aus, gab sie dem
Jungen und sagte: "Du warst so gut zu mir, ich gebe dir diese Feder dafür; wenn du einmal in Not bist, dann
komm aufs Feld und rufe, dann komme ich und helfe dir."
Der Junge steckte die Feder in die Tasche und machte sich wieder auf den Weg. Wie er so wanderte,
sah er plötzlich, wie Windhunde einen Fuchs vor sich herjagten. Sie kamen immer näher an ihn heran und
hätten ihn wohl gleich gepackt, wenn nicht der Junge das verängstigte Tier unter seinen Rockschößen
versteckt hätte. Dem Jungen tat nämlich der Fuchs leid und daher half er ihm. Als die Windhunde wieder in
weiter Ferne waren, ließ er den Fuchs aus seinem Versteck. Dieser aber zog sich ein Haar aus und sprach
zu ihm: "Du warst so gut zu mir, ich gebe dir dieses Haar dafür. Wenn du einmal in Not bist, dann nimm das
Haar aus der Tasche und rufe mich, dann komme ich und helfe dir."
Der Junge steckte das Haar in die Tasche und ging weiter seines Weges. War er weit gegangen, war
er's nicht, wer weiß? Nach einiger Zeit kam er zu einem Schloß, darin wohnte ein wunderschönes Mädchen,
die nur den zum Manne nehmen wollte, der sich so verstecken könnte, dsaß sie ihn nirgends finden
würde. Der Fischerssohn nahm sich ein Herz und ging ins Schloß. Sogleich verlangte er das Mädchen zu
sehen.
"Warum bist du gekommen?" fragte ihn das Mädchen.
"Ich möchte dich heiraten", gab der Junge zur Antwort.
"Ja, ich werde deine Frau, wenn du dich so verstecken kannst, dsaß ich dich nicht finden kann. Wenn du es aber
nicht kannst, dann mußt du sterben."
Der Junge war damit einverstanden, aber er erbat sich von dem Mädchen, sich viermal verstecken zu
dürfen. Diese Bitte wurde ihm gewährt. Der Junge verließ das Schloß, lief ans Meer, holte die Fischgräte
aus der Tasche und rief den roten Fisch. Kaum gerufen, war der rote Fisch auch schon zur Stelle, grüßte
den Jungen und fragte: "Was willst du denn, mein lieber Junge?"
Der Junge erzählte ihm die Geschichte und sagte: "Und nun muß ich mich an einem solchen Ort verstecken,
an dem mich nicht einmal der Teufel finden kann."
Der rote Fisch nahm den Jungen auf seinen Rücken und tauchte mit ihm bis auf den Grund des Meeres.
Dort setzte er ihn in eine Höhlenspalte und schwebte immer dicht über ihm, um ihn zu verbergen. Das
Mädchen aber trat vor ihren Spiegel, schaute lange hinein und suchte überall, bis sie ihn schließlich auf
dem Grunde des Meeres entdeckte. Als sie ihn da erblickte, war sie höchst verwundert und dachte bei sich:
"Was muß das für ein Mensch sein!"
Am nächsten Morgen kam der Junge ganz stolz ins Schloß.
"Nur keinen Stolz", sprach das Mädchen, "du hast dich vergebens versteckt. Ich habe genau gesehen,
wie du auf dem Meeresgrund in einer Höhle gesessen hast und wie der rote Fisch dich zu verbergen
versuchte."
Um Himmels willen, dachte der Junge, das ist ja eine Hexenmeisterin! Er verließ das Schloß, lief auf
eine Wiese, holte das Hirschhaar hervor und rief den Hirsch herbei. Kaum gerufen, war der Hirsch auch
schon zur Stelle. Er grüßte den Jungen und fragte: "Was willst du denn, mein Herzensjunge?"
Der Junge erzählte ihm die Geschichte und sagte: "Und nun muß ich mich an einem solchen Ort verstecken,
an dem mich nicht einmal der Teufel finden kann."
Daraufhin nahm ihn der Hirsch auf seinen Rücken und lief mit ihm davon wie der Wind. Hinter dem neunten
Berge erst hielt er an, versteckte den Jungen in einer Höhlung und stellte sich selbst noch davor, damit
ihn niemand sehen konnte. Das Mädchen schaute wieder in ihren Spiegel, suchte darin überall und fand
ihn mit Müh und Not hinter dem neunten Berge. Am folgenden Tag kam der Junge wieder zu ihr ins Schloß.
"Wieder völlig umsonst", sagte das Mädchen, "ich habe dich ganz gut gesehen! Hinter dem neunten Berg
warst du in einer Höhlung. Und der Hirsch wollte dich noch verbergen!"
Der Junge wunderte sich sehr dsarüber und bekam es nun mit der Angst zu tun. Er verließ schweigsam das
Schloß und suchte sich ein drittes Versteck. Draußen auf dem Felde holte er die Feder hervor und rief den
Kranich. Kaum gerufen, kam dieser schon angeflogen und fragte: "Was willst du denn, mein guter Junge?"
Der Junge erzählte ihm seine Geschichte und sagte: "Und nun muß ich mich an einem solchen Ort verstecken,
an dem mich nicht einmal der Teufel finden kann."
Der Kranich nahm ihn auf den Rücken und flog zum Himmel empor. Hoch oben in den Wolken verbarg er
ihn und unter ihm schwebte er selbst, damit man den Jungen von der Erde aus nicht entdecken konnte.
Das Mädchen nahm wieder zu ihrem Spiegel Zuflucht, schaute tief in ihn hinein und suchte überall. Alle
vier Himmelsrichtungen suchte sie genau ab, aber sie konnte ihn nirgends finden. Schließlich schaute
sie in die HÖhe und sah den Jungen am Himmel stecken. Sie wunderte sich noch mehr, dachte bei sich:
"Was ist das bloß für ein Hexenmeister!"
Am nächsten Tag kam er der Junge wieder ins Schloß. Das Mädchen ließ sich von ihrer Verwunderung
nichts anmerken und sagte zu ihm: "Das war wieder umsonst. Ich habe dich ganz gut gesehen am Himmel
und auch den Kranich, der unter dir schwebte."
Da wunderte sich der Junge noch mehr und erschrak gewaltig.
"Wenn sie mich beim vierten Mal findet", dachte der Junge, "dann bin ich verloren."
Ganz verstört verließ er das Schloß, um sich das vierte Mal zu verstecken. Er ging auf eine Wiese, holte
das Fuchshaar hervor und rief den Fuchs. Kaum gerufen, kam der Fuchs auch schon angesprungen,
grüßte den Jungen und fragte: "Was willst du denn, mein bester Junge?"
Der Junge erzählte im seine Geschichte und sagte dann mit bebendem Herzen: "Und nun muß ich mich
an einem solchen Ort verstecken, an dem mich dieses scharfäugige Mädchen nicht finden kann, sonst
muß ich sterben."
Der Fuchs bedachte die Sache gut und sprach: "Hab keine Angst, gehe nur hin zu ihr und verlange zwei
Wochen Frist. Ich verstecke dich dann so, daß sie über dem Suchen sterben kann, aber finden wird sie
dich nicht."
Der Junge tat, was ihm der Fuchs aufgetragen hatte. Dann grub der Fuchs die Erde unter dem Berge aus,
auf dem das Schloß stand. Er grub einen langen Gang und führte ihn gerade unter den Diwan, auf dem
das Mädchen im Schloße saß. Dort versteckte er den Jungen.
Das Mädchen schaute in ihren Spiegel und fing zu suchen an. Sie schaute in alle vier Himmelsrichtungen,
dann suchte sie den Himmel ab, dann das Meer, schaute wieder nach Osten, dann nach Wesen, suchte
im Norden, suchte im Süden, nirgends fand sie ihn.
"Du Hexenmeister, wo bist du denn?" rief das Mädchen ungeduldig, "komm doch, nigends habe ich
dich gefunden!"
Unter dem Diwan aber ließ sich des Jungen Stimme vernehmen, und gleich darauf sprang
er auch selbst hervor. Diesmal hatte er gewonnen!
Gleich am nächsten Tag wurde die Hochzeit gefeiert, eine so schöne und feine Hochzeit, daß den Gästen
sogar Vogelmilch in Mengen ausgeschenkt wurde.
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